VERMESSEN³

GRENZEN ÜBERWINDEN, GRENZEN SETZEN, GRENZEN NEU VERMESSEN


„Establishing Shots“ sind die ersten Einstellungen in Filmen. Manche dieser „Schüsse“ sind legendär wie der in dem Film, den viele für den besten aller Zeiten halten. In „Citizen Kane“ zeigt die Kamera ein verrostetes Schild an einem Maschendrahtzaun. Darauf steht „Betreten verboten“, womit klar ist, dass es eine Grenze gibt, die man nicht übertreten soll. Klar ist aber auch, dass sich die Kamera an dieses Verbot nicht halten wird. Denn die Menschen hinter der Kamera und die Menschen hinter den Kameraleuten sind notorische Grenzgänger. Sie sind Voyeure, die aus reiner Neugier oder aus öffentlichem Interesse zeigen, was andere sorgfältig verbergen wollen. Die Grenzübertretung ist die Zwillingsschwester der Grenze, und es ist nicht klar, wer von beiden die bessere ist. Die Kamera ist aber nicht nur das Auge investigativer Journalisten, sondern auch die Sehhilfe des Mitmenschen, der konkrete Menschen und wie sie die Welt sehen, verstehen möchte. Und schließlich liefert sie im besten Sinne des Wortes Anschauungsmaterial. In der aktuellen Filmgesprächsreihe handelt es sich dabei um Sozialstudien, in denen die Protagonisten Grenzerfahrungen im doppelten Sinne des Wortes machen. Dilemma-Situationen sind außerordentlich filmtauglich und gleichzeitig besonders wertvoll für die Demokratiebildung.
 
Die neue Filmgesprächsreihe trägt den Titel VERMESSEN³. Die Mehrdeutigkeit ist gewollt. Grenzen müssen angesichts der vielfältigen Verwerfungen neu vermessen werden. Und vermessen ist die Forderung nach einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche, allerdings nur in den Augen derer, die für eine Wagenburg zur Verteidigung des demokratischen Kernbestandes plädieren. Beide Lager wollen das Beste für die Demokratie. Nur wer hat Recht, und wer hat sich vermessen, die Pessimisten oder die notorischen Optimisten, die Hoffnung für ein unsterbliches Prinzip halten? Antworten darauf liefert unsere neue dreigliedrige Filmgesprächsreihe. Die erste Achse thematisiert territoriale Grenzen zwischen unterschiedlichen Staaten und gegensätzlichen Stadtteilen. La zona ist eine „Gated Community“ in Mexico-City, in der sich die Oberschicht vor dem Rest der Gesellschaft und wie sie ihn sieht, schützen will. Doch Refugien können zu Vorhöfen der Hölle werden. In Neuhof, einem berüchtigten Vorort der lauschigen Fachwerkstadt Strasbourg befreit sich ein junger Rapper von den multiplen Spielarten der (Selbst)Ausgrenzung und macht seinen Frieden mit der Grande Nation: Qu’Allah bénisse la France. Dass Kameradschaft und Solidarität Grenzen sprengen, beweisen deutsche Bergleute, als sie ihren verschütteten Kumpeln in Lothringen zur Hilfe eilen. In der Zwischenkriegszeit wohlgemerkt. Wenige Jahre später stellt ein Schweizer Polizeibeamter die Menschlichkeit über den Grenzschutz. Die Akte Grüninger ist ein Albtraum für alle, die keinen Schweizer Käse mögen, schon gar nicht als Metapher für eine Landesgrenze. Poka heißt Tschüss auf Russisch handelt wie Adam und Evelyn von Menschen im Osten, die plötzlich die Chance haben, in den Westen auszuwandern. Und im TGV-Express sitzen Menschen in einem klapprigen Autobus. Sie müssen über eine gefährliche Grenze, die Kolonialherren gezogen haben. Und die spiegelt die mentalen Schranken in den Köpfen der Reisegesellschaft.
 
Die zweite Achse ist dem Mauerfall vor 30 Jahren gewidmet. Der Wall war nicht baufällig, es bedurfte schon mutiger Menschen, die ihn zum Einsturz brachten. Das Wunder von Leipzig würdigt diejenigen, die am 9. Oktober 1989 in die letzte Schlacht zogen und zu ihrer Verblüffung auf keinen nennenswerten Widerstand stießen. Eine lange Liste von verbotenen Filmen zeugt davon, dass die Ästhetik des Widerstands in der DDR eine lange Tradition hatte. Die Spur der Steine ist ein solcher. Der Film ist Kult, bis heute, vielleicht weil er um das böse Wort „Anarchie“ kreist. Schon der Titel ist im höchsten Maße subversiv. Was wenn die Spur, die Sisyphos bei seiner Straf-Arbeit am Berg zieht, irgendwann so tief ist wie der Berg hoch?
 

Auf der dritten Achse bewegen sich die Ausgegrenzten, die Ausgebeuteten, die Marginalisierten. Und sie bewegen sich ziemlich aufrecht. Ken Loachs Filme stehen ohnehin für starke Menschen in elenden Umständen. Das gilt für Täter und Opfer in It’s a Free World, und das gilt für den modernen Don Quichotte im Kampf mit den restriktiven Resten des britischen Wohlfahrtsstaats. Er sprüht sie an jede Wand, seine keineswegs anonyme Botschaft: I, Daniel Blake…. Auch Petrunya bringt Grenzen zu Fall und Männer an die Grenze des Nervenzusammenbruchs. Sie hat keine Angst vor Autoritäten, denn God exists and her Name is Petrunya. Túpac Amaru ist eine nachhaltige Antwort auf die Frage, wie die gewaltige Kluft zwischen Arm und Reich in Lateinamerika überwunden werden kann. Milagro Sala vermischt indigenen Gemeinsinn und libertären Sozialismus zu einem städtebaulichen Selbsthilfeprojekt. Algo está cambiando – es ändert sich was in Lateinamerika, nicht zuletzt weil die „nación clandestina“ plötzlich zum (sozial)politischen Akteur wird. Mit Risiken und Nebenwirkungen allerdings… Wie gefährlich Brückenschläge sein können, zeigt auch der Dokumentarfilm Quando c’era Berlinguer. Er, Berlinguer ist der Erfinder des demokratischen Kommunismus. Er und sein kongenialer Partner, der Christdemokrat Aldo Moro gelten als die ehrlichsten Politiker in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Der Historische Kompromiss zwischen den beiden ungleichen Partnern hätte Italien verändert… Derzeit verändert sich die Welt nach ganz anderen Bauplänen. The Circle zeigt die Schöne Neue Welt der Sozialen Netzwerke und der Künstlichen Intelligenz, in ihrem Clamour und in ihrer Menschenverachtung. Es riecht nach Parfüm und nach Schwefel. Und schließlich beschäftigen sich zwei Dokumentarfilme auf eine sehr empathische Weise mit zwei völlig unterschiedlichen Randgruppen: den Prostituierten in Bordell Deutschland und den Hundertjährigen in Ü 100.