Narrative, Diskurse und Visionen (ausgefallen)

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Deutungskämpfe in „postfaktischen Zeiten“
Noch vor einem halben Jahrhundert empfahlen Bruno Kreisky und Helmut Schmidt Menschen mit Visionen einen Facharztbesuch, und eine Illustrierte propagierte Fakten, Fakten, Fakten. In einem anderen Teil der Welt wähnte sich ein blutrünstiger Diktator auf dem Höhepunkt seiner Macht und verlor bei einem Referendum, das er eigentlich gar nicht verlieren konnte, fast alles. Seine Gegner*innen beschrieben einfach nur, wie das Land ohne ihn aussähe. Der Ode an die Freude der Menschen in Chile hatte Pinochet nichts entgegenzusetzen. Doch auch die Mächtigen dieser Erde wissen seit Thatcher und Reagan um die Kunst des Storytellling…
Geschichten sind geschichtsmächtig, wenn sie das Herz und das Hirn der Menschen erreichen. Fragen tauchen auf: Sind die Zeiten wirklich postfaktisch? Sind Vernunft und Anstand Auslaufmodelle? Ist Meinungsführerschaft eine Ware? Können PR-Agenturen Stimmungen so manipulieren, dass der Erfolg von Kampagnen garantiert ist, für teures Geld versteht sich? Ist gegen so viel narrative Macht überhaupt ein Kraut gewachsen, und wo sind die erfolgreichen Erzählungen der Gegenmacht?
In diesem Seminar wollen wir exemplarisch historische Kampagnen um eine Großerzählung, einen spektakulären Fall von „Lawfare“ sowie die Aufsehen erregende Konstruktion einer Hetzkampagne einschließlich ihrer systematischen Dekonstruktion analysieren. Im letzten Fall ging die renommierte PR-Agentur pleite, und die mächtigen Auftraggeber*innen verloren ihre Macht, ihre Immunität und nicht zuletzt ihr gesellschaftliches Ansehen. Das Beispiel zeigt: Deutungskämpfe können auch von zivilgesellschaftlichen Gruppen gewonnen werden. Aber dazu müssen sie geführt werden, auf allen gesellschaftlichen Ebenen und mit allen demokratiebildenden Mitteln. 
Axel Eberhardt ist Kultur- und Politikwissenschaftler.



17.06.2024 - 01.07.2024 (3-mal) 09:30 - 12:00 Uhr
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Kursgebühr: 48,00 € (36,00 €)